Das Image ist die Wirklichkeit
Zeitgenössische Ereignisse werden durch ihr massenproduziertes
Image wichtig und sozial wirksam. Oft finden diese Ereignisse nur statt
oder werden zu dem Zweck inszeniert, reproduziert werden zu können.
Das Image ist nicht mehr nur das Bild und die Spiegelung der Wirklichkeit:
das Image wird im Zeitalter der omnipräsenten Massenmedien zur Realität,
der einzigen Wirklichkeit, die uns zugänglich ist. Wir müssen
nach Hause eilen, um zu sehen und zu hören, was in der Welt sich zuträgt.
Der Platz vor dem Fernsehschirm ist das Zentrum zeitgenössischer Erfahrung
und der fixe Beobachtungspunkt des Universums, das zu unserer Erbauung,
Belehrung und Unterhaltung in handlichem Kleinformat in unser Wohnzimmer
gebracht wird. Die Unterschiede zwischen wirklicher und nur gespielter
Gewalt werden durch die Perfektion der Aufnahmetechnik verwischt.
[...]
Rechtfertigung der Entlarvung von Rechtfertigungen
Zwang und Manipulation können nicht nur bestimmte Verhaltensweisen,
sondern auch das garantiert echte Gefühl der Freiwilligkeit massenproduzieren.
Mittels leicht zugänglicher und leicht erlernbarer Methoden ist es
möglich, die scheinbar im unantastbaren innersten Persönlichkeitskern
entstandene Willensentscheidung derart zu steuern und wenn nötig sogar
zu erzeugen, daß das Produkt von Zwang und Manipulation als völlig
spontane, freie Willensäußerung empfunden und ausgedrückt
wird. Nicht hinter unserem Rücken oder über unsere Köpfe
hinweg, sondern mitten in unserem Herzen und unter unserer gesteuert-freiwilligen
Mithilfe können derart raffiniert-einfache Beeinflussungen durchaus
unsere Zukunft gestalten.
Napoleon erachtete die Politik, Marx die ökonomischen Bedingungen
als bestimmend für ds Schicksal des Menschen; heute sind erzwungene
und manipulierte Überzeugungssteuerung, die Beeinflussung des Menschen
durch den Menschen, als zeitgemäßer Ausdruck, Ergänzung
und Substitut der Herrschaft des Menschen über den Menschen ausschlaggebend
für unser Geschick.
Gewiß waren in der einen oder anderen Form Menschen seit
eh und je dem Zwang und der Manipulation unterworfen; und doch sehen wir
uns heute, wie ich meine, mit einer "neuen" Lage konfrontiert. In früheren
Zeiten (und unter besonders drückender Herrschaft) zwang der Mangel
an anderen Optionen die Menschen, den sie bedrückenden und bestimmenden
Zwang als "natürlich" gegeben, selbstverständlich, als schicksalhafte
Lebensnot und Lebensbedingung zu empfinden. Zwang beruft sich auf Notwendigkeit
ohne Chance der Wahl; die Ausweglosigkeit der Situation verbirgt deren
Zwangscharakter, der erst dann als solcher hervortritt, sobald realisierbare
Alternativen ermöglicht, vorgestellt oder auch nur vorgegaukelt werden.
Die Selbstverständlichkeit des Zwangs (und dessen gutes Gewissen),
wenn schon nicht der Zwang selber; zerbröckelt unter dem zersetzenden
Einfluß kritischer Aufklärung oder durch das verführerische
Angebot anderer, neuer Zwänge, die die alten nicht mehr als die allein
denkbaren erscheinen lassen.
[...]
Das "neue" Problem
Heute können Menschen gezwungen oder manipuliert werden, das,
was sie gemäß dem Willen ihrer Manipulateure und Zwingherren
tun und unterlassen müssen, scheinbar freiwillig zu tun und zu unterlassen.
Denn nicht nur äußeres Verhalten und innere Gedanken und Gefühle
sind steuerungsfähig, sondern vor allem auch der in der intimsten
Persönlichkeitssphäre angesiedelte freie Wille, das Erlebnis
der Freiwilligkeit.
Durch die totale Kontrolle einer totalen Institution kann auch der
normale Erwachsene - zurückgeworfen auf ien frühkindliches Stadium
äußerster Hilflosigkeit, nunmehr dem Kleinkind gleich, zu dem
er reduziert wurde - erzogen, umerzogen, dressiert, trainiert und indoktriert
werden. Aus dieser meist nur allzu erfolgreichen "Erziehungsperiode" geht
ein gänzlich veränderter "neuer" Mensch hervor, jemand, der glaubt
und glauben muß, daß er frei wählt und will, was ihm tyrannisch
eingegeben und eingeimpft wurde.
Freiheit, die sie meinen und bewilligen und auferlegen, wird
dann zur einzigen, die es gibt und geben darf.
Dies ist keine utopische, in die Zukunft projizierte Schreckvorstellung;
in tausendfacher, millionenfacher, vielleicht sogar milliardenfacher Auflage
werden durch Zwang, Erziehung und Umerziehung Menschen modelliert, gestalte,
"gemacht", die nicht nur völlig im Sinne ihrer Konstrukteure fühlen,
handeln und frei wählen, sondern das, was ihnen auferzwungen wurde,
tatsächlich für den Ausdruck ihres eigenen wahren und freien
Willens halten.
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