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Goldene Zeit (Die Metamorphosen
des Ovid, in Prosa neu übersetzt von Gerhard Fink)
Goldene ZeitEin goldnes Geschlecht wurde zuerst erschaffen, das ohne Beschützer aus eigenem Trieb und ohne Gesetz die Treue und Redlichkeit übte.Strafe und Furcht waren fern, man las noch keine drohenden Worte auf ehernen Tafeln, und keine um Gnade flehende Menge bebte vor dem Angesicht ihres Richters: ohne Richter waren sie sicher. Noch war nicht, in den Bergen gefällt, die Fichte in die klaren Wogen hinabgestiegen, um eine fremde Welt zu besuchen. Keine Küsten kannten die Sterblichen - außer der, die sie selbst bewohnten. Noch schlossen keine tiefen Gräben die Städte ein, weder gerade Trompeten noch krumme Hörner formte man aus Erz, es gab keine Helme, keine Schwerter. Ohne daß es eines Kriegers bedurft hätte, lebten die Völker sorglos in friedlicher Muße. Frei von Zwang, von keiner Hacke berührt, von keiner Pflugschar verwundet, gab von sich aus alles die Erde. Die Menschen waren zufrieden mit den Speisen, die ohne jemands Zutun wuchsen, und sammelten Früchte des Erdbeerbaums, Knickbeeren in den Bergen, Kornelkirschen, Brombeeren, die an dornigen Sträuchern hängen, und Eicheln, die von Jupiters breitschattigem Baum herabgefallen waren. Ewiger Frühling herrschte, und linder Westwind fächelte mit lauen Lüften die Blumen, die niemand gepflanzt hatte. Bald trug ungepflügt die Erde auch Früchte des Feldes, und ohne je einer Ruhepause zu bedürfen, wurde die Flur gelb von schweren Ähren. Schon flossen Ströme von Milch, schon Ströme von Nektar dahin, und von den grünen Steineichen träufelte goldener Honig. Index Das Silberne ZeitalterAls aber Saturnus in den finsteren Tartarus gestoßen war und Jupiter die Welt beherrschte, folgte das silberne Menschengeschlecht, das weniger gut war als das goldene, doch dem ehernen noch überlegen. Jupiter kürzte die Zeit des bisherigen Frühlings und ließ über Winter und Sommer, über unbeständigen Herbst und kurzen Lenz das Jahr in vier Spannen verlaufen.Damals flimmerte erstmals die Luft, versengt von trockener Hitze; bald, im Frostwind erstarrt, hing Eis in Zapfen herunter. Damals suchte man erstmals in Behausungen Schutz; Behausungen waren die Höhlen, dichtes Gebüsch und Flechtwerk aus Bast und Ruten. Samen, die Gabe der Ceres, wurden damals zuerst in langen Furchen vergraben, und, vom Joch gedrückt, stöhnten damals zuerst die Stiere. Index ...und auf Erz folgt das EisenAls drittes schloß sich an ene das eherne Geschlecht an, wilder von Wesen und leichter bereit, nach den gräßlichen Waffen zu greifen, aber noch nicht verrucht.Von hartem Eisen ist das letzte Geschlecht, und gleich mit ihm brach in dieser Zeit des schlechteren Metalls jeglicher Frevel hervor. Es flohen Scham, Wahrheit und Treue. Deren Platz nahmen Betrug und Hinterlist ein, Heimtücke, Gewalt und heillose Habsucht. Segel vertraut man den Winden - noch kannte diese der Seemann nicht gut -, und Bäume, die lange auf hohen Bergen gestanden hatten, schaukeln als Kiel eines Schiffs auf unbekannte Fluten. Grund und Boden, früher Gemeingut wie Sonnenlicht und Luft, teilt nun genau der Feldmesser ein durch lange Grenzraine. Ja, nicht bloß Saaten fordert man nun dem ertragreichen Boden ab als schuldige Nahrung, nein, man steigt in die Eingeweide der Erde, und was sie sorgfältig verborgen, was sie bis hinab zum Schattenreich der Styx verbannt hatte, die Schätze, die Stifter des Unheils, gräbt man heraus. Schon war das schädliche Eisen und, schädlicher noch als Eisen, das Gold emporgestiegen, da steigt auch der Krieg hervor, der mit beidem kämpft, und schwingt mit blutiger Hand die klirrenden Waffen. Man lebt vom Raub. Nicht ist der Freund sicher vor dem Freund, nicht der Schwiegervater vor dem Schwiegersohn, selbst unter Brüdern ist Eintracht selten. Der Gattin trachtet der Mann nach dem Leben und diese dem Gatten. Tödliche Gifte mischen abscheuliche Stiefmütter, und vor der Zeit macht der Sohn sich Gedanken, wie lange sein Vater noch zu leben hat. Überwältigt liegt die Nächstenliebe am Boden, und als letzte der Himmlischen verläßt die Göttin der Gerechtigkeit, die Jungfrau Astraia, die vom Mord bluttriefende Erde. Index |