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Im frühen Mittelalter konnte nahezu alles, was Frauen taten, als Hexerei bezeichnet werden, weil sie sowohl mit einer Vielzahl alltäglicher kleiner Zeremonien, als auch mit den großen Zeremonien der jährlichen Hauptfeste die Göttin anriefen. Martin von Braga meinte, Frauen müssten dafür verurteilt werden, dass sie "Tische schmücken, Lorbeer tragen, Vorzeichen aus Fußspuren lesen, Früchte und Wein in den Kamin und Brot in den Brunnen stellen: denn was ist dies anderes, als Teufelsverehrung? Wenn Frauen sich beim Spinnen an Minerva wenden, bei Hochzeiten den Tag der Venus beachten und sie anrufen, wann immer sie auf eine öffentliche Strasse gehen, was ist das sonst, als Teufelsverehrung?" An den Rand der offiziellen Religion gedrängt, gaben Frauen ihre privaten Familienrezepte und Zaubersprüche, ihre Flüche und Segen weiter, erzählten die überlieferten Geschichten und sagten die Zukunft aus Omen und "Zeichen" voraus. Der Dominikaner Johann Herolt behauptete: "Die meisten Frauen strafen ihren katholischen Glauben mit Zaubersprüchen und Beschwörungen Lügen. Sie handeln in der Weise ihrer Urmutter Eva, die dem Teufel, der aus der Schlange sprach, mehr glaubte als Gott selbst. ...Eine einzige Frau weiß mehr von solchen Aberglauben und Zauberformeln als einhundert Männer." Bis zum 15. Jahrhundert waren die "Zaubersprüche und Beschwörungen" der Frauen nahezu die einzige und ausschließliche Quelle praktischer Medizin. Die Männer der Kirche befassten sich nicht mit der Heilkunst, weil sie der Ansicht waren, alle Krankheit sei dämonische Besessenheit und das einzige zulässige Heilmittel dagegen sei der Exorzismus. Die traditionellen Hexenärzte Europas waren Frauen: Sippenälteste, Priesterinnen an heilkräftigen Kultstätten, Hebammen, Ammen. Im vorchristlichen Gallien und Skandinavien lag die Medizin vollkommen in der Hand der Frauen. selbst in der Christlichen Ära war die weise Frau des Dorfes immer noch die "Hausärztin" des Bauern. Paracelsus sagte, daß Hexen ihn sein gesamtes heilkundliches Wissen gelehrt hätten. Von Dr. Lambe, dem berühmten "Teufel" des Herzogs von Buckingham hieß es, er habe mit Hexen verkehrt und sei von ihnen in die Geheimnisse der Medizin eingeweiht worden. Im Jahre 1570 ließ der Kerkermeister der Burg von Canterbury eine bereits verurteilte Hexe frei und begründete das mit der verbreiteten Ansicht, sie täte mit ihren Hausmitteln mehr Gutes für die Kranken, als alle Priester mit ihren Gebeten und ihrem Exorzismus. Für Agrippa von Nettesheim waren Hexen den männlichen Ärzten überlegen: "Sind nicht Philosophen, Mathematiker und Astrologen den Frauen vom Lande mit ihren Ahnungen und Voraussagen oft unterlegen, und schlägt nicht oft die alte Pflegerin den Arzt aus dem Feld?" Während Männer, die ihre Heilkunst von Hexen erlernt hatten, praktizieren durften, wurden ihre Lehrerinnen verfolgt. Scot beobachtete, dass ein männlicher Beschwörer die Erlaubnix erhielt, Krankheiten durch magische Kunst zu heilen; eine Frau, die das gleiche tat, wurde hingegen zum Tode verurteilt. Für das gewöhnliche Volk gab es keine Ärzte, sie waren fast ausschließlich den Reichen vorbehalten. Die Armen flüchteten sich mit ihren Kümmernissen zur Dorfhexe. Irische Bauern behaupten heute noch, ohne die Zaubersprüche einer "Feen-Ärztin" dem bösen Blick ausgeliefert zu sein. In Griechenland "stehen für Notfälle, die durch den bösen Blick entstanden sind, sowohl Priester als auch Hexen zu Verfügung. Sie verbrennen Weihrauch und sprechen passende Gebete bzw. Zauberformeln." Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Heilungssegen der Hexe denen der Kirche vorgezogen oder dass beide für grundsätzlich gleichwertig angesehen wurden. Ramesey schrieb, dass die Heilkunst der Hexen nicht von dem "Hokuspokus" der Priester zu unterscheiden wäre: "Heilige, Bilder, Reliquien, Weihwasser, Schreine, Ave Marias, Kruzifixe, Segenssprüche, Zaubersprüche, Schriftzeichen, Zeichen der Planeten und Symbole ... alle diese Mittel wirken eher durch die Einbildung, als dass sie in sich selbst von Wert wären." Offiziell war den Frauen meist keinerlei Art des Heilens gestattet. Im Jahre 1322 wurde eine Frau namens Jacoba Felicie verhaftet und von der medizinischen Fakultät der Pariser Universität angeklagt, weil sie den Beruf der Ärztin ausübte. Die Anklage wurde erhoben, obwohl selbst das Protokoll eingestand, daß "sie in der Kunst des Wundheilens und der Medizin erfahrener war als der größte Meister oder Arzt in Paris." Scot meinte, die Hexenverfolger schrieben den Hexen ebenso viel Macht wie Christus zu - und sogar mehr, wenn sie behaupteten, Hexen könnten Tote auferstehen lassen, wie Christus den Lazarus von den Toten auferweckt hatte; sie könnten Wasser in Milch oder Wein verwandeln; sie hätten Macht über das Wetter, das Getreide, die Tiere und die Männer; sie könnten in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen. Bei der Lektüre von Gerichtsakten der Hexenprozesse, so sagte er, "entdeckst du derartig unmögliche Geständnisse, daß niemand, der richtig im Kopf ist, sie zu glauben vermöchte". Loher erklärte ebenfalls, daß die Sünden, um derentwegen die Hexen auf dem Scheiterhaufen gebracht wurden, so beschaffen seien, daß sie diese unmöglich begangen haben konnten. Die Männer der Kirche sahen jedoch gerade in den Unmöglichkeiten der Hexen-Wunder den perfekten Beleg für ihre Wahrhaftigkeit - weil die Unmöglichkeit der Ausführung beweist, daß Dämonen am Werk waren. So wurde z. B. Marie Bucaille als Hexe verbrannt, obgleich ihre Wunder einer Heiligen würdig waren: sie heilte die Kranken, hatte fromme Visionen, konnte Stigmata vorzeigen und vollbrachte viele Taten, die in anderen Fällen zur Heiligsprechung geführt haben. Die gleichen Taten wurden von Kirchenleuten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausgelegt. In der ersten Hälfte der christlichen Ära war die Hexerei zugelassen; erst seit dem 14. Jahrhundert wurde sie als Ketzerei bezeichnet. Im Jahr 500 erkannte das Gesetz der salischen Franken das Recht der Hexen auf Ausübung der Heilkunst an. Im Jahre 643 erklärte ein Erlaß Hexenverbrennungen für ungesetzlich. Im Jahre 785 ließ die Synode von Paderborn verlauten, daß jeder, der eine Hexe verbrannte, zum Tode verurteilt werden sollte. In Frankreich fand das erste Gerichtsverfahren, in dem jemand des Verbrechens der Hexerei angeklagt war, im Jahre 1390 statt. Bis zu einem überraschend späten Zeitpunkt nahmen Adelige und Geistliche gleichermaßen die Dienste der Hexen in Anspruch. Im Jahre 1382 stellte der Graf von Kyburg eine Hexe an, die sich auf die Zinnen seiner Burg stellen und ein Gewitter heraufziehen lassen sollte, um so eine Armee von Feinden zu zerstreuen. Diese Praxis gründete sich auf die theologische Überzeugung, Hexen könnten Gewitter "zur See und zu Lande" nach Belieben aufziehen lassen. Die Männer der Kirche meinten, Hexen hätten "mit Gottes Erlaubnis" Macht über das Wetter, und bis zu Beginn der Renaissance wollten sie nicht bestrafen, was Gott erlaubt hatte. Auch Ludwig von Orleans holte Hexen an sienen Hof; sie sollten - nachdem der Exorzismus der Priester versagt hatte - seinen Bruder vom Irsinn heilen (die Hexen versagten ebenfalls). Guichard, der Bischof von Troyes, wandte ein klassisches Verfahren der Hexerei an, um die Königin Blanche von Navarre zu töten: er durchstach nach Art der Voodoo-Magie eine Puppe, die stellvertretend für seine Feindin stand. Das englische Recht stand der Hexerei bis zur Regierungszeit Jacobs I. ziemlich tolerant gegenüber. Erst 1371 wurde in Southwark ein Hexer verhaftet, weil er magische Gegenstände besaß: einen Totenschädel, ein Zauberbuch und den Kopf eines Leichnams, den er für Wahrsagungen verwandte. Er wurde jedoch entlassen, nachdem er versprochen hatte, der Hexerei abzuschwören. Im Jahre 1560 - während einer vergleichsweisen milden Phase - gestanden acht Männer, Beschwörungen und Zauberei betrieben zu haben; sie wurden mit einem Verweis entlassen. Schon drei Jahre später wurden die gleichen Vergehen mit Gefängnis und Todesstrafe geahndet. 1310 verbot das Konzil von Trier Zauberei, Wahrsagen und Liebestränke. Weitere Verbote waren offenbar zur Unterstützung von Ehemännern bestimmt, die ihre Frauen verstoßen wollten. Hexen, an die verlassene Ehefrauen sich um Rache durch maleficia (Zaubermittel) wandten, wurden durch strenge Gesetze bedroht und waren ihnen schutzlos ausgeliefert. Die Kirche traf eine Unterscheidung zwischen der Zauberei, die in der Regel nicht verfolgt wurde, und der Hexerei, die als "Haräsie" galt. Agrippas Bücher über die Zauberei erhielten mit dem imprimatur (lat. "es möge gedruckt werden") die ausdrückliche kirchliche Billigung; es war in der Tat ein Kleriker - der Abt John Trithemius - gewesen, der Agrippa in die Magie eingeführt hatte. Am Ende lief die Unterscheidung zwischen Hexerei und Zauberei auf eines hinaus: Männer durften Magie ausüben, Frauen durften es nicht. Als die Kirche entdeckte, daß das einfache Volk die dogmatischen Spitzfindigkeiten über die Ketzerei nicht verstehen konnte und sich um theologische Argumente auch nicht kümmerte, dehnte sie die Verfolgung auf solche Gebiete aus, die dem Verstand des Volkes zugänglich waren. Auf diese Weise konnte die Kirche ihre Herrschaft über die Seelen weiterhin aufrechterhalten. So vernichtete beispielsweise im Jahre 1610 ein Frühjahrsfrost in der Gegend von Bonn die Saat; dieser Unglücksfall wurde offiziell als höhere Gewalt bezeichnet. Zwanzig Jahre später - inzwischen gehörte auch diese Gegend zum Einflußbereich der Hexen-Richter - wurde die Schuld einer vergleichbaren Naturkatastrophe einzig und allein den Hexen zugeschoben. Die Männer der Kirche nährten den Glauben des Volkes, die Hexen seien in ein großes geheimes Komplott unter der Führung des Teufels verwickelt, mit dem das Königreich Gottes auf Erden gestürzt werden sollte. Sie prägten die Vorstellung der schwarzen Messen, schmückten sie aus und redeten den Laien ein, daß solche Messen oft stattfänden - obwohl es sich dabei größtenteils um Schwindel handelte, der sich lediglich auf "Pseudo-Aussagen" aus der Folterkammer stützen konnte. Die Inquisition brauchte diese allgemeinen Wahnvorstellungen, weil ihre eigentliche Aufgabe mit der Vernichtung der Albigenser, der Waldenser und anderer südfranzösischer Ketzergruppen endgültig erledigt war. Um ihre einträgliche Existenz fortzuführen, brauchte die Inquisition neue Opfer: der Hexenwahn war die Lösung dieses Problems. Welcher weltlichen Verbrechen man auch immer die Hexen bezichtigte - das Verbrechen, um dessentwillen man sie allesamt auf den Scheiterhaufen geschickt wurden, war ein Verbrechen, dessen sie allesamt völlig unschuldig waren, weil sie es gar nicht begangen haben konnten: das Verbrechen des Paktes mit einem wirklichen Teufel. Und was das geheime Festhalten an einer vorchristlichen Religion anbelangt: das wurde in wesentlich höherem Maße durch Heiligenverehrung, Festtage, Reliquien- und Heiligenschreine usw. von der Kirche selbst unterstützt. Die Gelehrten sind sich nicht sicher, wieviel heidnische Religion zu Beginn der Hexenverfolgung in Form tatsächlich von ganzen Gruppen ausgeübter Rituale noch bestand. Pico della Mirandola beschrieb in La Strega (die Hexe) einen norditalienischen Kult, bei dem eine heidnische Göttin sexuelle Orgien anführte: ihr wurde eine große Ähnlichkeit mit der Mutter Gottes nachgesagt. Von einer Gruppe in Arras hieß es, sie hätte sich um eine "Prostituierte" versammelt, die Demiselle oder Die Jungfrau genannt wurde. Ihr Gemal war ein auch als "Narrenprinz" bekannter "Abt von sehr geringem Verstand", ein Verfasser und Sänger volkstümlicher Lieder - mit anderen Worten: es handelte sich hier um einen Minne-Kult. Es gab eine Unzahl von "Mitteilungen" über die Ereignisse an Hexensabatten - sie sind allesamt wertlos, weil ihre Quelle die Folterkammer war. In der Spätrenaissance verbreitete sich unter den Wohlhabenden ein frivoles Interesse an den "schwarzen Messen"; sie versuchten, nach dem Vorbild der Berichte über frühere Gerichtsverfahren einen eigenen Kult zu gestalten. Im Jahre 1610 berichtete Pierre de l'Ancre von "hohen Herren und Damen und anderen mächtigen Leuten, die sich dem großen Thema des Sabbats widmeten; die Herren erschienen verhüllt und die Damen trugen Masken, auf daß sie jederzeit verborgen waren und unerkannt blieben." Zur Regierungszeit Ludwigs XIV. pflegte die halbe Priesterschaft und fast der ganze Hof einschließlich Madame de Montespan die Beziehung zu einer Gesellschafts-Hexe, die sich La Voisine (die Nachbarin) nannte und schwarze Messen für sie veranstaltete. Aber ihr Ritual beruhte nicht auf einer echten Volkstradition, sondern auf dem kirchlichen Meßbuch. Es ist behauptet worden, die Hexerei habe von Anfang an eine zusammnehängende Untergrundbewegung mit einem ausgefeilten Befehlssystem und einem guten Kommunikationsnetz gebildet. In "Hexenbüchern", die angeblich aus uralter Überlieferung stammten, ist von einer "Bruderschaft" (nicht von einer "Schwesternschaft") die Rede: "Fürchte dich nicht, wenn du verurteilt wirst, die Bruderschaft ist mächtig; sie wird dir zur Flucht verhelfen, wenn du standhaft bleibst... Sei gewiß, daß dich, wenn du standhaft zum Feuer gehst, Drogen erreichen werden; du wirst nichts fühlen. Du gehst nur in den Tod, und dahinter liegt die Ekstase der Göttin." Aber während der wirklichen Verfolgung schienen nur wenige Hexen ihr Leiden auf die leichte Schulter zu nehmen, und kaum eine entkam.
Als die Gefangenen von ihren Todesurteilen erfuhren, verkündeten sie lautstark, daß sei einem üblen Betrug aufgesessen seien; für den Fall einer Aussage nach den Wünschen des Inquisitors sei ihnen eine leichte Strafe - etwa eine Pilgerreise - versprochen worden. Die Suche der Inquisitoren nach neuen Opfern, mit denen sie ihre Organisation rechtfertigen konnten, bereitete der Verfolgung der Hexerei einen Aufschwung. 1375 beklagte sich ein französischer Inquisitor, daß alle reichen Häretiker ausgerottet seien und niemand mehr übrig wäre, von dessen Reichtum die Inquisition zehren könnte: "Es ist ein Jammer, daß eine so heilsame Organisation wie die unsere eine so unsichere Zukunft haben soll." Daraufhin ermächtigte Papst Johannes XXII. die Inquisition, all diejenigen, die Magie betrieben, u verfolgen, und die Inquisition entwickelte "langsam und unsicher ihr Konzept gegen die Hexerei". Bald stellte die Kirche stark verallgemeinernde Behauptungen auf - etwa die, daß die gesamte Bevölkerung von Navarre aus Hexen bestünde. Die Hexenjagd konnte sich selber tragen, weil sie zu einem bedeutenden Gewerbe wurde und das Einkommen vieler sicherte. Der örtliche Adel, Bischöfe, Könige, Richter, Gerichte, Gemeinden, städtische Magistrate und andere hohe und niedere Funktionäre - alle erhielten ihren Anteil an der Beute, die die Inquisitoren aus dem Nachlaß ihrer Opfer zusammentrugen. Die Opfer hatten sogar den Strick, mit dem sie an den Pfahl gebunden und das Holz, mit dem sie verbrannt wurden, zu bezahlen. Jeder einzelne Foltergang hatte seine eigene Gebühr. Nach der Hinrichtung einer vermögenden Hexe gönnten sich ihre Richter ein üppiges Mahl auf Kosten des Opfers. Die Inquisitoren legten stets dein gleichen Eifer an den Tag - es machte keinen Unterschied, ob sie versuchten, ihren unvermögenden Opfern den letzten Pfennig zu entwinden oder ob sie darauf bedacht waren, sich das vermögen der Reichen anzueignen. Im Jahre 1256 starb eine Frau namens Raymonde Barb aira, bevor sie hingerichtet werden konnte, und hinterließ ihren Erben eine Schublade volelr Leinenzeug, ihre Kleidung, einige Kühe und vier Sous in barem Gelde. Der Inquisitor forderte von ihren Erben für den gesamten Besitz 40 Sous. "Solche kleinlichen und vulgären Einzelheiten", sagte Lea, "gewähren uns einen klareren Einblick in den Geist und die Vorgehensweise der Inquisition und illustrieren die gnadenlose Art, mit der sie die von ihr abhängige Bevölkerung ausbeutete." Eine im Jahre 1909 von einem Katholiken verfaßte Geschichte der Inquisition mußte zugeben, daß die Inquisition "das Verbrechen der Hexerei erfunden ... und sich anschließend auf das Beweismittel der Folter gestützt hat" Zuerst traf die Inquisition überall auf Skepsis. Selbst Theologen, die Naturkatastrophen als zufällig oder von Gott kommend ansahen und nicht auf Hexerei zurückführten, waren den Inquisitoren ein Ärgernis. Das Volk glaubte nicht an die Geständnisse der Hexen und sagte, sie seien durch Folter zustande gekommen. In einigen Alpentälern empörten sich die Bauern über die Massenverbrennungen, und es kam zum offenen Aufstand gegen die Richter. Es bedurfte Jahre ununterbrochener Propaganda und rücksichtsloser Maßnahmen, bis den KritikerInnen der Mund gestopft war und man behaupten konnte, die Verfolgung habe die Unterstützung des Volkes gewonnen. Nach der Veröffentlichung der Bulle Summis desiderantes durch Papst Innozenz VIII. nahmen die Verfolgungen besondere Härte an. Der Stellvertreter Gottes auf Erden erklärte in diesem Schreiben "unfehlbar", Hexen könnten Getreide und Haustiere verfluchen, Krankheiten hervorrufen und den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau verhindern; außerdem seien sie ganz allgemein "der göttlichen Majestät ein Greuel und sehr vielen ein Ärgernis und eine Gefahr". Da die göttliche Majestät offenbar außerstande war, die eigenen Interessen ohne menschliche Hilfe zu wahren, nahmen die Männer der Kirchen die Rache Gottes in ihre eigenen Hände. Daraus entstand ein "schrecklicher Alptraum", in dem die eiserne Faust der Kirche für fünf Jahrhunderte die ganze westliche Welt unterdrückte. Der alte conon episkopi bestimmte, daß die Hexerei nur eine Täuschung und der Glaube an Hexerei demzufolge Ketzerei sei. Aber das galt nur so lange, bis die Kirche herausfand, wie sie aus diesem Glauben Profit schlagen konnte. Nach der Zeit Papst Innozenz' war es eben Ketzerei, nicht an Hexerei zu glauben. Dem Jesuiten Martin Del Rio zufolge mußten alle diejenigen, die Hexerei nur für Täuschung oder Betrug hielten, selbst in den Verdacht der Hexerei geraten. Es war niemanden gestattet, gegen die Ausrottung der Hexen Einspruch zu erheben. Der Inquisitor Heinrich von Schultheis sagte: "Derjenige, der gegen die Ausrottung der Hexen mit einem einzigen Wort Einspruch erhebt, kann nicht erwarten, unversehrt davonzukommen." Die Überzeugung vom "Bösen" der Hexerei hielt sich bis in die jüngere Zeit. Der letzte englische Hexenprozess wurde im Jahre 1712 geführt, in Schottland wurde die letzte Hexe offiziell im Jahre 1727 verbrannt; inoffizielle Hexenverbrennungen fanden sogar noch später statt. Vor nur einem Jahrhundert wurde in dem russischen Dorf Wratschewe eine ältere Frau in ihre Hütte gesperrt und darin verbrannt, weil sie angeblich das Vieh verhext hatte. Ihre Mörder wurden vor Gericht gestellt, das ihnen aber nur eine leichte Kirchenbuße auferlegte. Im Januar 1928 prügelte eine ungarische Familie eine alte Frau mit der Behauptung, sie sei eine Hexe, zu Tode. Ein Gericht sprach sie frei, weil sie unter "unwiderstehlichem Zwang" gehandelt hatten. Worin lag nun der wirkliche Grund für das beharrliche Festhalten an den Vorstellungen über die Hexerei? Die kirchlichen Autoritäten konnten sie nicht aufgeben, ohne einzugestehen, daß Gottes Wort falsch war und daß Gottes Diener Millionen legaler Morde begangen und Millionen hilfloser Menschen grundlos gefoltert hatten. Dr. Blackstone, Englands anerkannteste Koryphäe in Sachen Jurisprudenz, schrieb: "Die Möglichkeit - oder besser gesagt - die tatsächliche Existenz von Hexerei und Zauberei zu bestreiten, heißt zugleich, dem geoffenbarten Wort Gottes an verschiedenen Stellen des Alten und des Neuen Testamentes rundweg zu widersprechen. Der Tatbestand selbst ist eine Wahrheit, für die jede Nation der Welt im Verlauf der Geschichte Zeugnis abgelegt hat." Als sich bezüglich des Hexenglaubens Skepsis zu regen schien, äußerte John Wesley bitter: "Das Aufgeben der Hexerei kommt dem Aufgeben der Bibel gleich." Calvin und Knox protestierten ebenfalls, daß das Verleugnen der Hexerei ein Verleugnen der Autorität der Bibel bedeute. Joseph Glanvill, Kaplan am Hofe Charles II., behauptete, wer nicht an Hexerei glaube, sei Atheist. Trotz solcher Proteste wuchs mit dem allmählichen Fortschritt der Aufklärung auch die Skepsis. 1736 wurden die schottischen Gesetze gegen das "Verbrechen" der Hexerei in allen Formen aufgehoben. Doch die Kirche weigerte sich, mit den Gesetzen Schritt zu halten. Vierzig Jahre später formulierten Pastoren der Vereinigten Presbyterianischen Kirchen einen Beschluß, in dem sie ihren unverminderten Glauben an die Hexerei Ausdruck verliehen. Noch um 1920 konnte ein Pfarrer von vier Gemeinden in Norfolk schreiben: "Wenn ich eine Meinungsumfrage in meinen vier Dörfern veranstaltete, so bin ich sicher, die Mehrheit der Leute würde ernsthaft bekunden, daß sie an Hexerei, den bösen Blick und die Wirksamkeit guter und böser Zauberformeln glaubt." Die Kirchen wollten diesen Glauben also nicht sterben lassen. Die Christenheit trug also die Hauptverantwortung für den Fortbestand und die Pflege der Glaubensartikel über die Hexerei. Daran hat sich offenbar nichts geändert. In den viezeriger Jahren unseres Jahrhunderts schätze Seabrook, daß "die Hälfte der gebildeten Weltbevölkerung heutzutage an Hexerei glaubt"; unter den AnalphabetInnen dürfte dieser Anteil weitaus höher liegen. Eine Gallup-Umfrage aus dem Jahr 1978 zeigte, daß zehn Prozent aller AmerikanerInnen an Hexen glauben. Aber was bedeutet es, dies zu "glauben"? Es könnte - selbstverständlich genug - den Glauben bedeuten, daß es Menschen gibt, die sich Hexen nennen. Es könnte den Glauben bedeuten, solche Menschen unterlägen ihrerseits der irrigen Annahme, sie seien mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. Es könnte aber auch den Glauben bedeuten, daß solche Menschen wirklich übernatürliche Kräfte haben. Ferner könnte es den Glauben bedeuten, an dem die Kirche stets festgehalten hat: den Glauben, daß Hexen Agenten des Teufels sind, die versuchen, die Welt aus reiner Perversionslust zu zerstören. Oder es könnte den Glauben bedeuten, daß die Hexen eine ältere und bessere Religion bewahren, die auf Ehrfurcht gegenüber der Natur und den weiblichen Prinzipien beruht. Diejenige, die sich heutzutage Hexen nennen, berufen sich zumeist auf die
eine oder andere Art dieses letzteren Glaubens. Der moderne Hexenmeister Leo
Louis Martello schreibt: Auf die Frage, wie er sich als Angehöriger einer entschieden matriarchalen Tradition fühle, antwortet ein Hexer: "Ich bin lieber erster Matrose auf einem soliden Schiff als Kapitän auf einem Schiff mit einem verfaulten Rumpf, einem Schiff, das untergehen muss. Das Patriarchat ist ein solches Schiff." Hexen haben das Patriarchat als "manipulierend und dominierend" beschrieben. In der matriarchalen Weltsicht erfahren dagegen "das Gefühl für Zusammenhänge und Intuition, ...nichtautoritäre und nichtdestruktive Machtverhältnisse" hohe Wertschätzung. Wir können behaupten, daß die Hexerei im Begriff ist, die von W. Holman Keith als fundamentaler religiöser Irrtum unserer Zeit bezeichnete Grundeinstellung zu korrigieren - nämlich "Macht als göttliches, maßgebendes herrschendes Prinzip an die Stelle von Schönheit und Liebe zu setzen und die Destruktivität, durch die Männertüchtigkeit sich auszeichnet, im Leben für wichtiger zu halten als die Kreativität der Frauen. Jedenfalls zeigt die Geschichte der Hexerei, daß Männer Frauen verfolgt haben, um das männliche Monopol auf einträgliche Unternehmen wie Medizin und Magie aufrechtzuerhalten. Frauen, die durch hervorragende Leistungen auf irgendeinem Gebiet bekannt wurden, waren gefährdet, da fast jede von einer Frau erreichten Befähigung zur Hexerei erklärt werden konnte. Als die Kirche den Heilerinnen den Krieg erklärte, wurde das Heilen zum todeswürdigen Vergehen, sofern es durch eine Frau ausgeübt wurde. Man verwehrte den Frauen das Studium der Medizin, und "wenn eine Frau es wagte, zu heilen, ohne studiert zu haben, war sie eine Hexe und musste sterben." Die Ärzte beteiligten sich eifrig an der Hexenjagd, um die Konkurrenz auszuschalten. "Es gibt zahlreiche Fälle, in denen die Kirche sich mit verschiedenen wirtschaftlichen Interessengruppen - von Ärzten und Juristen bis hin zu Kaufmansgilden - zusammentat. Angesichts dieser Fälle, in denen es nicht nur darum ging, wiederholt ein vernichtendes Urteil über die Untüchtigkeit der Frauen zu verkünden, sondern auch deren psychische Vernichtung in Hexen- und Ketzerprozessen zu betreiben, kann man wohl kaum behaupten, dies sei alles völlig absichtslos geschehen." Kirchenmänner, die in eigener Person die Dienste der Hexen in Anspruch genommen hatten, verfolgten sogar manchmal diejenigen, die ihnen gerade noch geholfen hatten. Es gibt bemerkenswerte Beispiele der Undankbarkeit: Alison Peirsoun aus Byrehill war als Hexen-Heilerin derartig berühmt, daß der Erzbischof von St. Andrews nach ihr schickte, als er krank war; sie konnte seine Genesung bewirken. Später verweigerte er ihr nicht nur die Bezahlung, sondern er ließ sie gefangennehmen, klagte sie wegen Hexerei an und ließ sie verbrennen. Das beste Beispiel für die konfuse Unlogik des sexistischen Denkens dieser Verfolger ist das Hexen-"Püppchen". Dabei handelte es sich um eine Wachspuppe, die durch Stechen oder Einschmelzen mißhandelt werden konnte; dem ihr entsprechenden menschlichen Opfer sollten auf diese Weise stechende Schmerzen, Fieber oder andere Leiden zugefügt werden. Zerstörte die Hexe die Puppe ganz und gar, so würde das Opfer schließlich sterben. Doch merkwürdig genug: entdeckten männliche Amtspersonen diese Puppe und zerstörten sie, so genas das Opfer wieder und musste nicht sterben. Eine vergleichbare sexistische Haltung wird in der Vorstellung büer den Verkehr zwischen Menschen und Dämonen sichtbar. Burton stellte in den Criminal Trials of Scotland fest, daß ein Zauberer ein Meister der Dämonen, eine Hexe aber deren Sklavin ist. Trotzdem hielt man ihr Vergehen in der Regel für strafwürdiger als seines. Moderne Hexen und Hexer neigen offenbar dazu, das in alten Dichtungen beschriebene sexuelle Gleichgewicht wiederherzustellen - dort erlangten Männer ihre magischen Fähigkeiten durch weibliche Unterweisung. Es sieht so aus, als seien die Hexen darin begriffen, eine alte Religion in neuer Gestalt wieder aufleben zu lassen; sie erarbeiten schrittweise eine Theologie, die in ihren Wurzeln eher alten indo-europäischen Denkmodellen als einem satanischen Gedanken nahestehenden "umgekehrten Christentum" verpflichtet ist. Die Kernpunkte, in denen sich diese Theologie vom Christentum unterscheidet, sind folgende:
Die Göttin spricht zu modernen Hexen in nahezu der gleichen Tonart, die bereits ihre in alten Schriften aufgezeichneten Reden auszeichnet:
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