|
|
Gnosis, Gnostik, religiöse Bewegung der Spätantike (1.-3. Jh. n. Chr.) mit der Annahme einer speziellen religiösen Erkenntnis, gnosis, jedoch weder als mystische Schau, noch als rationale Begründung. Ziel ist die Selbsterkenntnis des Menschen und seines göttlichen Ursprungs sowie seine Erlösung durch Rückführung zu diesem Ursprung. Die erhaltenen Schriften - Zitate bei den die Gnosis bekämpfenden christlichen Kirchenvätern sowie Textfunde aus neuerer Zeit: Qumran, Nag Hammadi - verwenden jüdische und christliche Offenbarung, griechisch-hellenistische Mystik, iranische Spekulation (Manichäismus) und anderes für allegorisch-symbolische Umdeutung zum gnostischen Mythos, meist in Form von Offenbarungen (Hermes Trismegistos). Ein Dualismus von Gott und Welt ist vorherrschend: diesem prinzipiellen Gegensatz dient, ebenso wie seiner Überwindung, eine reiche Symbolik. Gott ist symbolisiert als Geist, Pneuma, Licht, Gut, Leben; die Welt als Materie, Hyle, Finsternis, Böses, Tod. Der Mensch als Mikrokosmos symbolisiert den Makrokosmos. Als Symbole der Weltlichkeit stehen dem unnennbaren Gott 7 namentlich genannte halbböse Dämonen mit weltschöpferischer Potenz gegenüber, die Hebdomas, Siebenheit: ursprünglich die - auch als Kreise symbolisierten - 7 Planetengötter deren oberster, Jaldabaoth, wohl mit Saturn identisch ist (Astralsymbolik mit Gestirnen als Gegengöttern) und später zu Demiurgen gräzisiert wurde. Allmählich trat der sakramentale, auf kultisch-symbolische Handlungen beruhende Charakter etwas zurück; Erkenntnis im engeren Sinn wurde vorherrschend (Einfluß des Neuplatonismus). Die Siebenheit repräsentiert das Schicksal; aus dessen astrologischen Fatalismus soll die Erlösung geschehen. Die Mutter der 7 Dämonen, Barbelos, ist eine gefallene Göttin (Mondgöttin?), sie ist Lichtjungfrau und Mutter zugleich und Brücke zum Symbol der Trias von Vater (Gott), Mutter und Urmensch, anthropos. Dieser Urmensch ist in die Materie gestürzt, aber auch fähig, den Weg in die himmlischen Welten zu finden: Symbol des Weges aller zur höheren Welt Berufenen. Die eine der zwei Klassen der Menschheit trägt den höheren Lichtfunken in sich, die andere ist ganz der niederen Welt verfallen (Satornil). Im Gegensatz zum christlichen Erlöser, der in der Geschichte wirkt, vollzieht sich die Erlösung der Gnosis im Mythus und am Weltende. Wie im Christentum gibt es viele symbolische Handlungen (Sakramente) und Formeln (Geheimhaltungspflicht); die Taufe ist Abwehr der Dämonen; als Ölsalbung durch den himmlischen Wohlgeruch des Öls, Brandmarkung am Ohr (Karpokratianer), durch Wasser (ein doppeldeutiges Symbol: für Reinigung und für die böse Materie, Ophiten). Als Reinigungssymbol erinnert die Beschneidung an jüdische Überlieferung. Das Sakrament des Brautgemachs symbolisiert die Vereinigung des Erlösers (Soter) mit der Weisheit (Sophia) wie die Vereinigung der Gläubigen mit den Engeln: die Gnostiker sind der Samen, den Sohia vom Soter empfing (Valentinianer). Viele Symbole haben mit der Zeugung zu tun: die Seele, auch Braut genannt, empfängt den Lichtsamen, Bräutigam. Andere Symbole des Lebens sind der Baum, das Siegel Gottes (sakramentale Versiegelung). Im Perlenlied (Thomasakten) ist die Perle das Symbol der in die Materie verstrickten Seele, Ägypten das Symbol des Reiches der Körper, die Schlange ist Herrscher dieser Welt und bewacht die Perle; ein Erlöser steigt aus dem Osten (Reich des Vaters = Königs = Gottes) herab, um der Schlange die Perle wegzunehmen. Er streift der Perle das schmutzige Gewand ab und bringt sie dem Vaterkönig in strahlendem Lichtkleid, welches die Erlösung symbolisiert. Zum großen Problem der dualistischen Grundanschauung wird die Mischung: sie ist Symbolbegriff auch der Sexualität, dergegenüber die Gnosis äußerst ambivalent ist, teils asketisch, teils orgiastisch; Ziel ist Aufhebung der Fortpflanzung. Anders als die Christen glauben die Gnostiker nicht an leibliche Auferstehung. Der Urmensch ist über die geschlechtliche Teilung erhaben, er ist Symbol der Aufhebung der Gegensätze von Weiblich und Männlich in der Lichtwelt. Ambivalent ist das wichtige Symbol der Schlange. Sie versinnbildlicht die Finsternis und das Feuchte, die Welt nach dem Fall, wird aber auch mit Logos und Jesus gleichgesetzt und trägt so die zu Erkenntnis gelangten Erwachten hinaus zum Licht. In einer anderen Gleichsetzung, nämlich mit dem Teufel, ist sie gezeugt von Jaldabaoth und zeugt selbst mit der Erde wie mit einer Frau den Weinstock (Severus; seine Sekte verdammte den Weingenuss und nannte die Frauen und die Sexualität "Werke des Satans"). Die Schlange ist auch Symbol der Erdgöttin Eden, einer doppelleibigen Macht, die bis zur Scham eine Jungfrau, unten aber eine Schlange ist. Mit ihr zeugt der Himmelsgott Elohim die Engel des Paradieses und den Adam (Buch Baruch). Eine große Rolle spielt die Schlange (griech. ophis) in der Sekte der Ophiten und Ophianer: auf Anstiften der Urmutter, Sophia, verführt sie Adam und Eva und wird mit ihnen von Jaldabaoth, dessen Sohn sie ist, aus dem Paradies vertrieben. Die Schlange ist Symbol der Klugheit im gnostischen Denken, das sich nicht geradlinig, sondern im Kreis bewegt: Ende und Anfang gehören zusammen. Dem Bedürfnis zur Symbolik entsprang eine reiche Zahlen- und Buchstabenspekulation (Jesus gleich A und O, Anfang und Ende, und vieles andere), wenngleich der Gnosis keine spontane Symbolbildung eigen war; dennoch lässt sie sich nicht aus einem der gleichzeitigen anderen geistigen Ströme erklären, sondern bildet eine Sinneinheit für sich. Die heute noch am Tigris lebenden Mandäer sind eine rein gnostische Sekte, deren Riten und Symbole als Zeugnisse dafür gelten, daß nur Wissen und Kult zusammen zur Erlösung führt. Gnosis "Erkenntnis", ist eine allgemeine Bezeichnung für die Mysterienkulte der frühchristlichen Zeit und für die von ihnen abstammenden, häretischen Lehren des Mittelalters. Die "Erkenntnis" bezog sich auf die Offenbarung der wahren Natur Gottes und die Geheimnisse des Lebens im Jenseits, auf Sprachformeln und Worte besonderer Kraft, mit denen ein begehrter Platz im Himmel erlangt werden konnte. Die führenden gnostischen Sekten stellten die Große Mutter und ihren sterbenden Gott in den Mittelpunkt ihrer Kulte, so wie z. B. in den Eleusinischen, Orphischen und Osirischen Mysterien. Nach Angus war die Gnosis "für über ein halbes Jahrtausend der Weg, auf dem sich nachdenkliche Geister der Religion näherten". Die westliche Gnosis, aber auch Sekten, die im wesentlichen christlich waren, kannten Meditationsformen und sexuelle Riten nach tantrischer Art. Das letzte Ziel des tantrischen Yoga galt der Einkehr in das erste REich der Stille, eine weibliche Macht, die die ursprüngliche, kreative Welt, den Logos, umhüllt. So suchten gnostische Christen die Vereinigung mit der Göttin Sige (Stille), die am Anfang aller Dinge existierte. Sie gebar Sophia (Weisheit), die gnostische Große Mutter, die sowohl die Braut wie die Mutter Gottes war. Einige Gnostiker übernahmen die Vorstellung von der Weltseele, die sie mit Sophia gleichsetzten und die sie sich manchmal in androgyner Vereinigung mit Gott dachten. Diese Ansicht vertrat der Kirchenvater Origenes, der zu seiner Zeit verehrt, drei Jahrhunderte später jedoch wegen seiner häretischen Ansichten exkommuniziert wurde. Er schrieb: "So wie unser Körper aus vielen menschlichen Gliedern besteht, doch von einer Seele zusammengehalten wird, so muss das Universum als ein riesengroßes Lebewesen gedacht werden, das eine Seele zusammenhält." Die Christen taten sich mit der Vorstellung von der Weltseele deswegen schwer, weil in ihr die Seligen und die Verdammten in einem einzigen göttlichen Geist vereinigt sein sollten. Somit war die Trennung von Guten und Bösen, die am Tag des Jüngsten Gerichts stattfinden sollte, unmöglich. Die offizielle Kirche lehnte insbesondere das gnostische Bild der Frau ab. Man wollte sich nicht vorstellen, daß Gott von der Großen Mutter bestraft würde, so wie es die Gnostiker behaupteten. Die Nachfolger des heiligen Paulus verkündeten öffentlich, die GnostikerInnen seien die Erstgeborenen des Satans, sie seien beutegierige Wölfe, vom Teufel Besessene, Bestien in Menschengestalt, und sie handelten mit tödlichen Gift. Diese Beschimpfungen waren typisch dafür, wie die Christen in jenen Zeiten miteinander umgingen. Vom 4. bis zum 8. Jahrhundert wurden gnostische Minderheiten von der Kirche hartnäckig verfolgt. Dennoch hielten geheime Bruderschaften an den Lehren der Gnosis und der Erleuchtungslehre der heidnischen Religionen, auch nach ihrem angeblichen Verschwinden, viele Jahrhunderte lang fest. Gnostische Kultobjekte sind überall in Sizilien, Spanien und Südfrankreich gefunden worden, insbesondere die coffrets gnostiques oder heiligen Gefäße aus frühmittelalterlicher Zeit, die den griechischen cistae oder den semitischen "Truhen" entsprachen. Die Kirchenväter nahmen besonderen Anstoß daran, daß die GnostikerInnen auch Frauen für geistliche Ämter zuließen. Alle Initiierten, Männer wie Frauen, nahmen gleichberechtigt an der Verlosung teil; auf jeden konnte die Wahl fallen, als Priester, Bischof oder Prophet zu amtieren. Tertullian berichtete mit Entsetzen von gnostischen Frauen, die lehren, disputierten, den Exorzismus vornehmen und Heilungen versprechen. Sie vollzogen sogar die Taufe und bewiesen damit, daß sie den Status eines Bischofs innehatten. Tertullian schrieb: "...sie treten miteinander ein, sie hören miteinander zu, sie beten miteinander; auch wenn Heiden dazukommen... Sie tauschen auch den Friedenskuss unterschiedslos mit allen". Einige gnostische Sekten gingen so weit zu behaupten, daß die wahre Offenbarung des christlichen Geheimnisses durch eine Frau, die Apostelin der Apostel, geschehen sei, nämlich durch Maria Magdalena, die so innig von Jesus geliebt wurde. Sie beteten zu einer zweigeschlechtlichen Gottheit, dem Vater und der Mutter, die mit Jesus und Maria gleichgesetzt wurden. Irenäus verhängte über die Sekte den Kirchenbann. Er bestand darauf, daß die Mitglieder Reue üben und sich ihm unterwerfen, damit er sie mit vorweggenommener Kirchenzucht bestrafen konnte, um so ihre Seelen vor der Verdammnis zu retten. Im frühen Mittelalter fanden die gnostischen Lehren der Erleuchtung Eingang in den Minnesang der Barden, die Mysterienspiele und die Märchen. In diesen Quellen sind die Geheimnisse der häretischen Religionen in Form von Allegorien oder symbolhaften Dramen überliefert. Manichäische Gnostiker trennten sich von der römischen Kirche, die sie als hoffnungslos materialistisch ansahen, und gründeten ihre eigenen Kirchen. Sie behaupteten, der Gott der römisch-katholischen Kirche sei in Wirklichkeit ein teuflischer Demiurg, der die materielle Welt geschaffen habe, damit sich die menschlichen Seelen in das Böse verstricken. Aus der gnostischen Tradition gingen die christlichen Katharer Südfrankreichs und Italiens hervor, gegen die sich die blutigen Albigenser-Kreuzzüge richteten. Die Katharer behaupteten, Jesus habe ihnen eine geheime gnostische Lehre übermittelt, die die Dogmen der römisch-katholischen Kirche außer Kraft setze. Nur der "innere Mensch" steige zum Himmel auf, das Dogma der Auferstehung des Fleisches sei also falsch. Die Taufe sei sinnlos, die Heirat unwichtig. Niemand müsse zölibatär leben, abgesehen von den "Vollkommenen", die, wie die östlichen Yogis, das Sinnesleben aufgeben. Die Inquisition klagte die Katharer an, weil sie die römische Kirche mit Namen wie Mutter der Hurerei, Große Hure Babylon, Basilika des Teufels und Synagoge des Satans betitelt hatten. Die Geschichte von Johannes dem Weber aus Toulouse führt den Gegensatz zwischen den Ansichten der römischen Kirche und den katharischen Lehren in Bezug auf die rituelle Keuschheit deutlich vor Augen. Als Johannes angeklagt wurde, der gnostischen Häresie anzuhängen, erklärte er zu seiner Verteidigung, er habe gelogen, geflucht, Fleisch gegessen und den Verkehr mit seiner Frau genossen. Damit bewies er, daß er ein gläubiger Christ und kein häretischer Katharer war. Gnostische Elemente durchzogen die Astrologie, die Alchimie, die hermetische Magie und den Okkultismus. Insofern die Suche nach Erkennt die Naturwissenschaft betraf, die Alchimisten und Hexenmeister allmählich entdeckten (oder wieder entdeckten), lehnte die Kirche diese Suche als für den Glauben verderblich ab. Der heilige Augustinus hatte den "eitlen und neugierigen Wunsch des Forschens, bekannt als Wissenschaft und Suche nach Erkenntnis" streng verurteilt. Lactantius dagegen pries den von den mittelalterlichen Alchimisten und Okkultisten fast als Gott verehrten Hermes Trismegistos als den Offenbarer nahezu der ganzen Wahrheit. Auch Frauen waren von der Verfolgung der Naturwissenschaften betroffen, einige von ihnen wurden eng mit den Ursprüngen der alchimistisch-mystischen Gnosis in Verbindung gebracht: Teosebia, Maria die Jüdin, eine gewisse Kleopatra und eine Frau, die sich Isis nannte. Die Wiederentdeckung heidnischer Schriften bescherte der ägyptischen Göttin Isis eine neue einflussreiche, wenn auch geheime Berühmtheit. Die hellenistische Welt fand die "Isis der unzähligen Namen" in jeder anderen weiblichen Gottheit wieder. Mittelalterliche Okkultisten entdeckten, daß Plutarch sie in seinen Werken rühmte, und setzten sie mit der Weltseele, der "Sophia", gleich. In zahlreichen okkultistischen Schriften erschien sie als die von Sternen gekrönte "Nackte Göttin". Ihre Herrschaft über Land und Meer wurde dadurch symbolisiert, daß ihr rechter Fuß auf der Erde, ihr linker im Wasser stand. Ihre Vulva war durch einen Halbmond an entsprechender Stelle gekennzeichnet. Seine Funktion beschreibt ein moderner Gelehrter mit dem so typischen, männlich-ungenauen Blick für dieses weibliche Geschlechtsteil simpel als Bedeckung des Schosses. Es war durchgehend die Regel, daß die Kirchen alles für häretisch erklärten, was auch nur den Ruch weiblicher Göttlichkeit oder Autorität hatte. Verfolgungen verschiedener gnostischer Sekten belegten dies immer wieder. Die Naturwissenschaft wie auch die weibliche Spiritualität entwickelten sich nur unter größten Schwierigkeiten gegen all die Hindernisse, die das westliche Patriarchat gegen sie ersann. Die weibliche Spiritualität hat sich selbst heute noch nicht vollständig durchsetzen können.
|