
Der klassische Vogel der Seele. Als Symbol der Apotheose wurde er mit dem
Sonnengott, mit Feuer und mit dem Blitz assoziiert. Die Griechen glaubten so
fest an die enge Verwandtschaft des Adlers mit dem Geist des Blitzes, daß sie am
Frontgiebel ihrer Tempel Adler befestigten, die als magische Blitzableiter
dienen sollten. Daher stammt die Bezeichnung aetoi, "Adler", für die Giebel der
griechischen Tempel. Diese Adler waren antike Vorläufer des "Wetterhahns" auf
Scheunen- oder Hausdächern.
In Feuer- und Sonnenkulten galt der Adler als Träger des königlichen Geistes,
der die Seele des Königs nach der Zeit seiner irdischen Inkarnation zum Himmel
zurückbringt. Es war römischer Brauch, bei der Beerdigung eines Kaisers einen
Adler über dem Scheiterhaufen frei zu lassen. Ähnlich stieg der ägyptische
Pharao auf den Schwingen des Sonnenfalkens in den Himmel empor.
Zeus nahm die Gestalt eines Adlers an, um seinen jungen Liebhaber Ganymed in
den Himmel zu tragen. Dies wurde in den Einweihungszeremonien der
Sonnenmysterien oft als Symbol für die Aufnahme der Menschenseele durch den
Göttervater interpretiert.
Der Adler stand auch bei den Riten im Mittelpunkt, in denen, wahrscheinlich
mit Hilfe des Brennglases, "Feuer vom Himmel" gerufen wurde, das die auf dem
Altar liegenden Opfer verzehrte. Ein "Himmelsfeuer" dieser Art sandte Jahweh, um
die Söhne des Aaron zu verzehren (Levitikus 10,2), die den gleichen Tod wie die
Kultopfer des Sonnengotts von Tyros starben. Die Opfer mußten "durch das Feuer
gehen" und stiegen als Adler zum Himmel empor.
Wir dürfen nicht vergessen, daß das Feuer im Osten, aus dem alle unsere
Glaubensüberzeugungen und Kulte stammen, nicht nur als allmächtige reinigende
Kraft angesehen wurde, sondern der Feuertod als eine Apotheose galt, die das
Opfer in den Rang der Götter erhob... "Feuer", sagte Iamblichos, "vernichtet den
materiellen Teil der Opferhandlung, es reinigt alle Dinge, die in seine Nähe
gebracht werden, befreit sie von den Fesseln der Marterie und führt sie -
aufgrund der Reinheit seiner Natur - zur Gemeinschaft mit den Göttern. So
befreit es auch uns von der Knechtschaft der Verdorbenheit, es macht uns den
Göttern gleich.
Oft wurde der Adler mit dem Feuervogel oder dem Phoenix gleichgesetzt, der
sich einer Feuertaufe unterzog, die alle "Sünden verbrennt", und dann aus seiner
Asche wiedergeboren wurde. Der Adler galt auch als Verkörperung der Seele des
Herakles, die bei den Jahreszeitenfesten von Tarsos durch das Feuer in den
Himmel aufstieg. Dieser Vorgang inspirierte den Apostel Paulus dazu, den Ritus
der Feuerbestattung zu akzeptieren (1. Korinther 13,3). Der Adler war auch das
Totem des Prometheus, der das himmlische Feuer "stahl", ähnlich wie der östliche
Feuer-Blitz-Sonnen-Held, Mann oder Engel, der im Vogel Garuda verkörpert war.
Garuda flog zum Berg des Paradieses, um den Göttern das Geheimnis der
Unsterblichkeit zu stehlen. Später verwandelte er sich in den goldenen
Sonnenkörper. Die Indianer kannten ebenfalls einen solchen Helden, den Donner-
oder Blitzvogel.
Die römischen Legionäre verehrten den Adler als den königlichen Vogel Roms
und als Verkörperung der vergöttlichten Kaiser. Jede Legion hatte ihre eigenen
heiligen Adler, die wie Fahnenbanner in die Schlacht getragen wurden. Verlor
eine Legion ihre Adler, so bedeutete das eine unerträgliche Schmach. Manchmal
wurde ein neuer Feldzug gestartet, um sie zurückzugewinnen.
Das römische Kaiseremblem wurde vom deutschen "Heiligen Römischen Reich" und
seinen "Kaisern" (abgeleitet von Caesar) übernommen. So entwickelte sich der
Adler zu einem germanischen Herrschaftssymbol.
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